14. Europäischer Mediengipfel 
in Lech am Arlberg:
Leben im Ausnahmezustand

Mit einer Keynote zur Zeitenwende läutete Politikwissenschaftler Peter Filzmaier
den Freitagabend beim 14. Europäischen Mediengipfel ein.

Lech am Arlberg (ots|wro) - Susanne Glass (BR) und Markus Spillmann (ehemaliger Chefredakteur der NZZ) sprachen mit Gerald Knaus (Migrations-experte), Lisz Hirn (Philosophin) und Rudolf An-schober (ehemaliger österreichischer Gesundheits-minister) über "Ein Leben im Ausnahmezustand". Eine weitere Diskussionsrunde beschäftigte sich mit dem Thema „Medien zwischen Fake und Fakten“. Am Samstag Vormittag wurden Außenminister Alexan-der Schallenberg sowie Arbeitsminister Martin Kocher im Rahmen zweier "Pressestunden" inter-viewt. Das letzte Panel des Mediengipfels beschäf-tigte sich mit der Arbeit von Kriegs- und Krisenreporterinnen.

Peter Filzmaier betonte in seiner Keynote die Wichtigkeit der Kommunikation. Diese habe sich in einer multimedialen Welt grundlegend verändert. Die Theorie von Sender und Empfänger sei längst ver-altet, der Kommunikationsprozess sei mehrstufig geworden. Die Menschen wären einer permanenten „kommunikativen Überfrachtung“ ausgesetzt. Das bedeute, die Nutzer seien durch die Vielfalt der ver-fügbaren Kanäle überfordert. Die Konsequenz da-raus? „Ich höre gar nicht mehr zu, schaue nicht mehr hin“, sagt Filzmaier. Und Desinformation biete un-weigerlich Nährboden für verschrobene Theorien und Meinungen. Diese wiederum würden durch die sozia-len Medien verbreitet. „Was ich zum Beispiel über Politik weiß oder nicht weiß, weiß ich aus Massen-medien“, sah Filzmaier die Situation kritisch. Darum sei die Einführung des Faches „Medienkompetenz“ in allen Schulstufen ein Muss. Doch nicht nur in der Schule, auch in vielen anderen Teilen der Gesellschaft bedürfe es laut Filzmaier der Aufklärung und Schu-lung im Umgang mit Medien. Die Conclusio für Filz-maier: „Nur Bildung ist die Lösung.“

Das Panel „Krise! Leben im Ausnahmezustand“ be-schäftigte sich mit der Pandemie und dem Krieg. Mi-grationsexperte Gerald Knaus gab zu bedenken, dass der Konflikt in der Ukraine nicht der einzige Krieg sei. Seit den 1990er-Jahren habe es in Europa immer wieder Auseinandersetzungen gegeben. Lisz Hirn warnte vor dem Verlust des Wohlstands. Unsere Lebensweise sollte neu gedacht werden. „Wir haben keinen innovativen Ansatz, fallen immer wieder in ein Schwarz-Weiß-Denken zurück. Und das bedeutet im Kriegsfall Waffen und Aufrüstung“. Rudolf An-schober verwies auf ein Problem zwischen Politik und Wissenschaft. Am Anfang der Pandemie sei es aufgrund von recht vagen Studien sehr schwer gewesen, politisch wichtige Entscheidungen zu treffen.

Gerold Riedmann, Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten und Geschäftsführer von Russmedia, verwies auf eine Grundsatzdiskussion: „Wir müssen darüber reden, was Medien sind und was sie nicht sind“. Es gäbe unzählige Plattformen, wie etwa „Russia Today“, die reine Propaganda-Maschinen seien. Der Ehrenpräsident der AEJ (Association of European Journalists), Otmar Lahodynsky, warnte vor „Putins Desinformationstrollen“. Diese würden gezielt Wikipedia-Artikel verfälschen und mit fal-schen Informationen befüllen. 

Auch Alexandra Föderl-Schmid, stv. Chefredak-teurin der Süddeutschen Zeitung, verwies auf Stu-dien, die besagen, dass seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs das Wort „Nazi“ gezielt in diversen Internet-plattformen eingespeist werde. Für Matthias Sut-ter, Direktor am Max-Planck-Institut Bonn, und Medienexperte Patricio Hetfleisch sei das gezielte Manipulation. Hetfleisch führte ebenfalls ein Beispiel an: „Russia Today tut so, als hätten sie einen journa-listischen Anspruch – am Ende des Tages ist es reine Propaganda“.

Am Samstag Vormittag wurden Außenminister  Alex-ander Schallenberg sowie Arbeitsminister Martin Kocher im Rahmen zweier "Pressestunden" inter-viewt. Durch die letzte Diskussionsrunde des 14. Eu-ropäischen Mediengipfels führte Eva Linsinger (stv. Chefredakteurin bei Profil) mit den Kriegs- und Kri-senreporterinnen Monika Bolliger (Redakteurin beim Spiegel), Natalie Amiri (ARD-Korrespondentin und Weltspiegel-Moderatorin) und Petra Ramsau-er (Journalistin und Autorin). Ein großer Faktor, der die Auslandsreportage hindere, seien laut Bolliger die Budgetkürzungen in den jeweiligen Redaktionen. Für eine detaillierte Reportage sei es jedoch wichtig, prä-sent zu sein. „Man muss vor Ort sein und versuchen, den Zuschauer oder Leser in das jeweilige Land ein-zuführen – es durch unsere Augen zu betrachten“, erklärte Amiri. Ebenso sei es wichtig, Desinformatio-nen aufzudecken. In den jeweiligen Gebieten ließen sich Bilder leichter verifizieren. Journalisten müssten mehr unterstützt werden – erst recht, wenn es um die Betreuung nach der Rückkehr ins Heimatland gehe. „Schwierig wird es, wenn man zurückkommt und merkt: Das Leben hier geht einfach so weiter und das Schlimme, das passiert, wird nur mehr am Rande wahrgenommen“, meinte Ramsauer.

 

Über den Europäischen Mediengipfel
Lech am Arlberg

Seit dem Gründungsjahr 2007 bildet der Europäische Mediengipfel in Lech am Arlberg einen außergewöhn-lichen Rahmen für Diskussionen, in denen ungefilter-te Einblicke und fundierte Ausblicke in die anhaltend turbulente Welt der Medien, die europäische Politik und die wirtschaftlichen wie gesellschaftspolitischen Zusammenhänge der europäischen Lebensrealität ge-boten werden. Der unter der Schirmherrschaft des österreichischen Außenministeriums stehende Eu-ropäische Mediengipfel – von der Kommunikations-agentur ProMedia Kommunikation initiiert und seither federführend mit Lech Zürs Tourismus GmbH und dem Verband der Auslandspresse in Wien organisiert – wird von der Gemeinde Lech und den Ländern Vor-arlberg und Tirol, dem Europäischen Parlament unter Vizepräsident Othmar Karas, dem Presseclub Co-cordia und dem Verband der Auslandspresse Berlin unterstützt. Weitere Partner sind die Tirol Werbung, die PEMA, die BTV Bank für Tirol und Vorarlberg und BMW. Die Medienakademie wird unterstützt von APA – Austria Presse Agentur, dem Europäischen Parla-ment, Moser Holding GmbH und Russ Media. Als Me-dienpartner der Veranstaltung fungieren APA – Aus-tria Presse Agentur, Der Standard, Tiroler Tageszei-tung sowie Vorarlberger Nachrichten.